Dancing Queen

Man hatte sie heraus-geputzt für diesen Tag. Von dem man sagte, dass es der schönste Tag im Leben einer Frau sei.
In anderen Ländern.

Den Mann auf dem Stuhl neben sich sah sie heute zum ersten Mal.

Ihre beiden Elternpaare hatten die Hochzeit arrangiert, sie passend füreinander befunden.

Es waren nicht immer schlechte Ehen, die so entstanden. Sie wusste das. Und doch hätte sie gern selbst entschieden.

Tintenfischdamen bewerfen unerwünschte Männchen mit Schlick hatte sie letztens gelernt. Und diese würden das Signal verstehen und NIEMALS zurückwerfen.

Menschliche Männchen sind anders, hatte man ihr gesagt. Ein „Nein“ wäre eine Ehrkränkung. Und würde nicht ungesühnt bleiben. „Du bist nur eine Frau.“ hieß es. „Füge dich! Sei sanft!“

Sühne. Sünde.“ Unheilschwanger klangen diese ominösen Wörter in ihren Ohren nach.

Die Zeremonie begann.

Sie hatte nichts dem Zufall überlassen. Ihre beste Freundin stand am DJ-Pult.

JETZT!

Sie stand auf, schleuderte den Schleier von sich und schrie: „NEIN!!! Ich mache nicht mit!“
Wie in Trance nahm sie aus den Augenwinkeln die entsetzten Gesichter ihrer Eltern wahr. Während aus der Musikanlage in voller Lautstärke ABBA erklang: „You are the dancing queen …“.

Wie abgesprochen taten alle Mädchen ihrer Clique es ihr nach.

Und sie TANZEN, tanzen, tanzen. Zehn Frauen. Zehn Todesmutige.

Ein kurzer Blick in das Gesicht ihres „Nichtmannes“. Er sieht erleichtert aus, findet sie. Irgendwie.

Mehr Frauen tanzen. Einige Männer beginnen zu klatschen. Mitzumachen. Die Fläche wird voller. Immer voller.
Andere Gäste wirken, als würden sie einen Geist sehen.

Niemand in diesem Raum wird diese Feier jemals vergessen. Das weiß sie sicher. Irgendjemand aus diesem Raum wird die Polizei rufen. Hat es vielleicht schon getan. Das weiß sie ebenso sicher.

Die Polizei wird in Kürze da sein. Was wird dann geschehen?

Sie tanzt den Tanz ihres Lebens.

Sie ist die Dancing Queen.      

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Wie immer mit herzlichem Dank an Christiane und ihre liebevolle Betreuung der abc-Etüden!!!! Die Regeln mit der Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.21 sind hier zu finden: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/09/05/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-36-37-21-wortspende-von-ludwig-zeidler/   

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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20 Kommentare

  1. Ich finde sie unglaublich mutig. Und ihre Freundinnen auch. Ich hoffe und würde für sie beten, dass sie die Umstände und die Reaktionen richtig kalkuliert hat und da heil wieder rauskommt, muss eventuell sogar heißen, dass sie es überlebt. 🤔😏
    Danke dir.
    Nasse Morgenkaffeegrüße 😁⛈️🌳☕🍪👍

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    1. Ja, so etwas erfordert sehr viel Mut. Das mit den Tintenfischweibchen habe ich übrigens tatsächlich letztens in einer Wissenschaftssendung gehört (und musste bei der Wortvorgabe „Schlick“ gleich daran denken). Denn ich fand es irgendwie spannend, dass es unter der Tintenfischpopulation anscheinend „zivilisierter“ vorgeht, als bei vielen Menschen … .
      (Noch) sonnige Morgenkaffeegrüße zurück! ☕☕☕

      Gefällt 5 Personen

  2. Tjaaa, diese „arrangierten Ehen“ sind das Eine. Ich finde sowas furchtbar und halte Sätze, wie „es war nicht das Schlechteste“, „irgendwann haben wir einander lieben gelernt“ u. a. m. für einen traurigen, schwachen Trost – für beide.
    Ich blieb aber beim Lesen ganz und gar im Hier und Jetzt, in der Situation, die wir gerade durchleben (müssen?) Diese Geschehnisse sind ebenso arrangiert wie eine dieser Zwangsehen … und als die Braut aufsteht, den Schleier fortschleudert, immer mehr Gäste (auch männliche) aufstehen, ja sogar begeistert sind, kam mir ein Gedanke …
    Ach, wären wir doch mutig genug!
    Oder verzweifelt genug …

    Nun, diese kurze Geschichte ist schön erzählt, kurz, prägnant, anschaulich, nachfühlbar. Ein ganz herzliches Dankeschön dafür 🙂
    Fröhliche Grüße aus dem Spätsommer
    Wilma

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    1. Ja, das Thema „Selbstermächtigung“ – und die Frage, wie reagieren die anderen …, ist sicher auf viele Bereiche anwendbar. Auch auf ganz aktuelle … 😉💕💝. Es geht ja immer darum, dass eine Gruppe Menschen ihre Weltsicht (zur Not mit Gewalt) allen anderen aufzwingen möchte. Das ist bei fanatischen Taliban so, bei allen möglichen Diktaturen dieser Welt, bei alten religiösen oder gesellschaftlichen Traditionen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen.
      Und auch bei sehr neuen „Regeln“ wie Masken- und Impfzwang, die ja ebenfalls ideologisch begründet sind und gewaltsam aufgezwungen werden. Der Ideologie folgend, „der Keim ist alles, das Milieu ist nichts.“ Eine Ideologie, die das Zusammenspiel in der Natur und die Wechselwirkungen ignoriert, die wissenschaftlich längst als fehlerhaft entlarvt wurde, und deshalb eben nur mit Gewalt durchgesetzt werden kann.
      Danke für dein schönes Kompliment!
      Herzliche Grüße zurück!
      Maren

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  3. Super!!! Da leuchtet auch irgendwie derzeit seltene Gesinnung heraus, das wäre eigentlich auch eine Mutmach-Geschichte! Überhaupt, weil Du es grad erwähnst – von der Unterwasserwelt kann man tatsächlich viel lernen – z.Bsp. die Seepferdchen-Männchen ziehen da die Jungen groß und behüten sie.😁 Danke für den Hinweis, was seit Jahrhunderten auch schon „unfrei“ so läuft.

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  4. Es wäre schön, wenn die Dinge so laufen könnten, aber ich fürchte, dass sich Machtstrukturen nicht
    so einfach auflösen lassen. Es beginnt schon damit, dass in solchen Strukturen Mädchen keine DJs sein können, dass Männer und Frauen nicht gemeinsam feiern, dass der steinerne Ehrbegriff niemals erlauben würde, dass eine Frau einen Mann öffentlich ablehnt usw, usf.
    Aber die Sache mit den Tintenfischinnen gefällt mir sehr 😉

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    1. Einfach können sich Machtstrukturen vermutlich nie auflösen lassen.
      Bei dem Rest kommt es drauf an, wie die Strukturen tatsächlich sind. In vielen islamischen Gesellschaften und auch z.B. in Indien gibt es eine Oberschicht, wo Männer und Frauen durchaus zusammen tanzen, oft auch „westlich“ ausgebildet sind – und bei der Frage der Heirat dann aber häufig doch wieder den Zwängen der Tradition ausgesetzt sind. Ich kam auf die Geschichte u.a. weil ich ein Lehrbuch eines indischen Homoöpathie-Lehrers gelesen hatte, der darin ein Krankheitsbild beschrieb, das es im Westen gar nicht gibt: Die Angst vor der Hochzeit. Die eben auch Männer betraf … .

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  5. Das erinnert mich wieder schmerzhaft an Hatice – eine junge Frau, die verheiratet werden sollte und sich ihrem Lehrer anvertraut hat. Sie kam dann in die „In-Obhutnahme“ des Landkreises und so zu meiner Freundin. Die Sozialarbeiter haben dann irgendwann begleitete Treffen mit der Familie organisiert, denn sie wollte den Kontakt nicht abbrechen. Sie hätte alle Möglichleiten gehabt, eine intelligente junge Frau. Und ist irgendwann freiwillig zurück zur Familie, hat deren Versprechungen geglaubt. Wir taten das nicht, aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wir haben leider nie wieder etwas von ihr gehört.

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    1. Das ist gerade das Fiese daran, denke ich: Die Frauen sind hin- und hergerissen zwischen einem Wunsch nach „Freiheit“ und „westlichem“ Leben – und der Liebe zur Familie, zur eigenen Kultur usw. . Man kann von Außen letztlich nicht beurteilen, mit welcher Entscheidung sie glücklicher oder unglücklicher geworden wäre. Jedenfalls war es sehr mutig von ihr, sich überhaupt ihrem Lehrer anzuvertrauen!

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  6. Danke für die schöne und gleichzeitig „witzige“ Kurz-Geschichte ! Sie behandelt ein wichtiges Thema, das in den Wandel gehen muß und der Anstoß muß von den Menschen selbst kommen. Ich bin zuversichtlich, daß Vieles positiv in den Wandel geht auch wenn anstrengende Zeiten damit verbunden sind. Herzliche Grüße, Elli

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  7. Es gab einmal eine Zeit als die Frauen selbst entschieden wen sie lieben wollten. Damals gab es keine Ehen. Die Ehe ist ein patriarchalisches Konstrukt das beide Partner in etwas presst was völlig unnatürlich ist. Seit Jahrtausenden werden die Frauen unterdrückt und solange Krieg und Unfreiheit besteht, bei den Menschen und im Zusammenleben mit den Tieren, wird es sich nicht wirklich ändern. Dennoch gehen wir kleine Schritte in die Veränderung, das ist gut. Mehr Frauen sollten es so machen können wie die Dancing Queen.

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